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Ich singe, weil...

     |  ...es gute Laune macht.  |     
     |  ...mir das Singen Flügel verleiht.  |     
     |  ...ich Lust dazu habe.  |     
     |  ...ich es leid bin, alleine zu singen.  |     
     |  ...ich dort Gleichgesinnte treffe.  |     
     |  ...ich gerne singe.  |     
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Chorgesang im Wandel der Zeit von Rudolf Keim

Davon kann ein Chorleiter heute nur träumen:

Jedes Vereinsmitglied muss in der Gesangstunde „zur rechten Zeit erscheinen“ und darf nur in „notgedrungenen Fällen“ fehlen. Unentschuldigtes Fehlen wird mit einer „Strafe von 6 Kreuzern belegt, bei Wiederholung wird die Strafe dreimal verdoppelt“ – und dies bei drei Gesangstunden in der Woche. Der Text ist nicht dem Forderungskatalog einer Chorleiter-Interessenvertretung entnommen, sondern den Statuten des 1859 gegründeten Gesangvereins Liederkranz, dessen 150-jähriges Jubiläum wir in diesem Jahr feiern. Es waren damals strenge Maßstäbe, die mit einer Mitgliedschaft verbunden waren, aber es war für die Menschen im 19. Jahrhundert ein erstrebenswertes Ziel, sich in Vereinen zusammenzuschließen und neue Formen der Geselligkeit zu pflegen. Das hing auch mit dem Streben nach Freiheit, nach mehr Bürgerrechten und schließlich nach der deutschen Einheit zusammen. In der Revolution von 1848/49 mit der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche wurde diese dann – wenn auch nur vorübergehend – erreicht.

 

 

Gleichzeitig erfolgte eine Hinwendung der Menschen zur Natur und zur Geschichte, es wurden Volkslieder und Märchen gesammelt. Die bekannteste Sammlung mit dem Titel „Des Knaben Wunderhorn“ erschien 1806/08, herausgegeben von Achim von Arnim und Clemens Brentano; kurzum, es war die Zeit der Romantik.

 

Als Folge der Hinwendung zu Vereinen schwappte eine wahre Gründungswelle über das Land, es entstanden vor allem Männerchöre, Turnvereine, Schützenvereine und politische Vereinigungen. Die Männerchöre konnten sich vor Zulauf kaum retten. Nach dem Motto „Sänger, Turner, Schützen, sind des Reiches Stützen“ waren die Vereine Eckpfeiler der bürgerlichen Freiheitsbewegung.

 

Der erste Männerchor in der Geschichte der Laienchorbewegung wurde 1809 von Carl Friedrich Zelter gegründet, die „Berliner Liedertafel“. Die Bezeichnung Liedertafel ist durchaus wörtlich zu nehmen, man saß an einer Tafel bei einem „frugalen Mal in deutscher Fröhlichkeit und Gemütlichkeit“, pflegte „edle Gesellschaft“ und sang Lieder. Auch die Sänger vom Liederkranz, dessen 150-jähriges Jubiläum wir dieses Jahr feiern, waren geselligen Zusammenkünften nicht abgeneigt, wie eines der wenigen noch existierenden älteren Bilder zeigt.

 

Geselliges Beisammensein der Sänger vom Liederkranz im Jahr 1907 (Leihgabe von Dr. R. Schellmann)

Geselliges Beisammensein der Sänger vom Liederkranz im Jahr 1907 (Leihgabe von Dr. R. Schellmann)

 

Von den vielen Liedertafeln, die danach entstanden, hat vor allem die 1832 von dem Musikdirektor an der Universität Tübingen, Friedrich Silcher, gegründete Tübinger Liedertafel die Entwicklung des Chorgesangs entscheidend beeinflusst und geprägt. Hier pflegte man den klassischen vierstimmigen Chorsatz für je zwei Tenor- und Bass-Stimmen. Die Arrangements und Kompositionen Friedrich Silchers waren über viele Jahrzehnte wichtiger Bestandteil des Männerchorgesangs und sind auch heute noch aktuell.

 

Neben den Vereinen, die sich vor allem der Pflege des Volksliedes widmeten, gab es auch Arbeiter-Gesangvereine, die sich dem Kampf der Arbeiterklasse verschrieben. Deren Repertoire diente dazu, politischen Botschaften einen musikalischen Rahmen zu geben, beispielsweise trug ein „Arbeiter-Liederbuch“ den Untertitel „Kampflieder zum Mitsingen bei Versammlungen und Umzügen.“ Die Männerchöre erlebten bis zur Mitte des 20ten Jahrhunderts einen unglaublichen Aufschwung, der nur durch die beiden Weltkriege zeitweise unterbrochen wurde.

 

Welche aus heutiger Sicht überzogenen moralischen Ansprüche man in der Blütezeit der Männerchöre an die Sänger stellte, geht aus einem Artikel in der Deutschen Sängerbundzeitung 1912 hervor, in dem es unter der Überschrift „Lebensfragen für Gesangvereine“ heißt: „Es gehört zu den Standespflichten eines ordentlichen Chormitgliedes, dass er zeigt, wie sehr ihm die Schonung seiner Stimme am Herzen liegt. Jeder Sänger erhält durch die Kunst des Liedermeisters ein Kapital, das er vor Diebstahl, Rost und Motten zu hüten hat, sonst muss er sich selbst den Vorwurf machen, dass er gewissenlos und undankbar handelt gegen sich und seinen Kunstlehrer“ (gemeint ist der Chorleiter).

 

Nach dem zweiten Weltkrieg fanden sich die übrig gebliebenen Sänger wieder in ihren Vereinen zusammen und die Männerchöre erlebten noch einmal eine Renaissance. Doch etwa gegen Ende der 60er Jahre geriet der Männergesang langsam in eine Krise. Er galt bei der kritisch eingestellten jungen Generation als altmodisch und nicht mehr zeitgemäß. Durch die elektronischen Medien strömte eine Flut von Musik aus aller Welt und in allen Stilrichtungen auf die Menschen ein, so dass die Beschränkung auf deutsche Volks- und Arbeiterlieder ohne instrumentale oder rhythmische Begleitung nicht mehr ausreichte. Das führte zu einem dramatischen Schwund an Sängern, das allmähliche Sterben der Männerchöre aus Nachwuchsmangel begann. Im Jahr 2002 war der Anteil der Männerchöre bereits unter 16 % aller Chorsparten gesunken. Dieser Entwicklung konnte man durch die Aufnahme von Frauen und die Bildung von gemischten Chören entgegenwirken, zumal Frauen leichter für den Chorgesang zu gewinnen sind als Männer. Aber langfristig lässt sich der Abwärtstrend nur durch eine tief greifende Änderung der Chorliteratur und deren Präsentation aufhalten, wobei natürlich die Qualität des Chores immer eine wichtige Rolle spielt.

 

Es ist schon außerordentlich erstaunlich, dass sich der vierstimmige Chorgesang ohne instrumentale Begleitung über 100 Jahre halten konnte. Aber unsere Zeit ist schnelllebig und ohne Einbeziehung moderner, international ausgerichteter Chorliteratur muss man die Zukunft der Gesangvereine kritisch sehen. Dabei wird bei der Präsentation vieler moderner Lieder eine Begleitung durch Klavier, eine Rhythmusgruppe oder eine „Band“ immer wichtiger, sie erhöht den Spaß der Sänger und fördert die Akzeptanz auch bei jüngeren Zuhörern. Die steigende Beliebtheit der Gospel beruht zum großen Teil auf deren rhythmischem Schwung. Wichtig für die Zukunft der traditionellen Chöre ist daher die Bereitschaft der älteren Sänger, sich auf ein modernes Repertoire einzulassen bis hin zu Gospels und Pop-Musik – auch in englischer Sprache – und die Bereitschaft jüngerer Sänger, bewährte alte Lieder – auch Volkslieder – zu akzeptieren und sich der Schönheit klassischer Chormusik nicht zu verschließen. So lassen sich die Erfolgsaussichten für innovative Chorkonzepte, die zudem von engagierten Vorständen und Chorleitern vorangetrieben werden müssen, auf die einfache Formel bringen: Neues wagen und Bewährtes erhalten!

 

S.20 Frohsinn 1924

 

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Jedes Vereinsmitglied muss in der Gesangstunde „zur rechten Zeit erscheinen“ und darf nur in „notgedrungenen Fällen“ fehlen. Unentschuldigtes Fehlen wird mit einer „Strafe von 6 Kreuzern belegt, bei Wiederholung wird die Strafe dreimal verdoppelt“.

 

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